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20.10.12 - Salzkammergut-Marathon/Wolfgangseelauf

Mythos und Leidenschaft


Kurschatten


Die vielen händchenhaltenden Spaziergänger und Wanderer machen uns freundlich Platz. Attraktive Kurschatten stimulieren den Heilerfolg, damals wie heute. Kein Wunder also, dass beim Spaziergang so manch rüstiger Pensionär nach einem Kurschatten Ausschau hält, ist meine Vermutung. Es geht wieder leicht aufwärts (Kilometer 23). Es lohnt der Blick zurück von oben hinunter auf den Wolfgangsee. Durch den Wechsel von seichten und tiefen Stellen schimmert der See in unterschiedlichen Schattierungen.

Über den Buckel geht es wieder leicht abwärts und die Kirchturmspitze von St. Gilgen ist zu sehen. Auch der Kaiser war hier oft zu Gast. Mit der Kutsche ließ er sich in den Ort fahren, um dann hier am gelben Schloss Frauenstein, der Schauspielerin Katharina Schratt, regelmäßig einen Besuch abzustatten. Das Verhältnis, oder wie immer man es nennen mag, ist eines der Freiheiten, die er sich in der Sommerfrische gönnte. Der Kurschatten war geboren.

Noch 17,5 Kilometer. Einst lebte das Dorf kärglich von Viehzucht und Fischfang. Heute ist hier der Yacht- und Ruderclub ansässig. Die Mittagssonne strahlt vom Himmel und die Glocken läuten, als wir durch St.Gilgen laufen. Bei Dallmann werden Schokokugeln gedreht. In der Saison gehen schon mal täglich über 400 dieser nach Mozart benannten Kugeln über den Verkaufstisch. Tatsächlich ist St. Gilgen mit der Mozartschen Familiengeschichte verbandelt. 1720 wurde Mozarts Mutter Anna Maria Walpurga Pertl geboren, später wohnte hier Mozarts Schwester Nannerl. An diesem geschichtsträchtigen Haus kommen wir nun vorbei (Labestelle).

Die Stadt macht ihr Mittagsschläfchen. Vereinzelt sitzen Leute bei einer Tasse Kaffee und beobachten dabei das bunte Läufertreiben. Eifrige Helfer sind bereits damit beschäftigt, die Straßen von den vielen Pappbechern der 27er-Läufer mit großen Besen zu säubern.

Nun laufen wir nur noch der Sonne entgegen, vorbei an Bootshäusern mit Schwimmdocks. Einige Enten balgen sich um Brotstückchen, ein See, der die Sehnsucht weckt. Gegenüber sieht man die Klippen vom Falkenstein wie eine senkrechte Wand. Bis zu 27 Meter stürzen sich die Cliff-Springer an Wettkampftagen von hier aus in die Tiefe.


Der Rössl-Klassiker wird wiederbelebt


Noch 16 Kilometer sind zu laufen, als wir an einem verlassenen lila Gasthof verbeikommen. Von 1890 bis 1957 befand sich hier die Haltestelle Lueg der Salzkammergutlokalbahn.

Wir laufen weiter, während auf den Schiffen die Touristen stehen und Kulissen knipsen, die gar keine sind. Denn das „Weiße Rössl“ in St. Wolfgang war niemals Originalschauplatz für die Filme, habe ich erfahren. Die Besitzer verweigerten dies aus Angst, die vielen Stammgäste zu verlieren, wenn sie wochenlang zuschließen müssten. In diesem Monat erst wurde eine österreichisch-deutsche Neuinterpretation des Kultfilms hier am lila Gasthof Lueg abgedreht.


Capriowetter


Ein mentaler Kraftakt ist die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Auf dem Salzkammergutradweg ist vor uns ist kein Läufer zu sehen, aber hinter uns auch nicht. Viele genießen die warmen Sonnenstrahlen an diesem Tag allerdings nicht auf dem Mountainbike, sondern im Cabrio. Dabei bewundern sie auf der B 158, der Wolfgangsee-Bundesstraße, den blauen Himmel und die über ihnen liegende Gamswand. Auf der Spitze des 1782 Meter hohen Schafberg, der auch "Abbiss des Teufels" genannt wird, auf der anderen Seite des Sees, schillert die Bergstation in der Sonne.

Wir entfernen uns ein Stück vom See. Zusehends erlahmend, schleppen wir uns auf dem Hauptweg, der parallel zur B 158 läuft, entlang. Jetzt ist wenig Verkehr auf der Straße. Das Gasthaus Gamsjaga ist erreicht. Noch etwa 14 Kilometer liegen vor uns. Dass hier vor noch gar nicht so langer Zeit ein Stimmungsnest war, erahnt man nur noch durch die Posaunen und Trompeten, die vereinsamt in ihren Kästen schlummern. Zeit für einen Frühschoppen, den die Musiker sich jetzt gönnen. Sie teilen aber gerne. Einer streckt seinen Arm mit einem Schöppchen zu mir aus, ich greife aber doch im Moment lieber bei dem Pappbecher mit Iso zu.
Die Strecke verläuft von der Straße weg und führt indes weiter zwischen farbenfroh leuchtenden Laubbäumen. Noch 10 Kilometer bis ins Ziel. Hier ist nun der kleine Ort Gschwandt erreicht.


 
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Für etwa drei Kilometer laufen wir durch das Naturschutzgebiet Blinklingmoos über die ehemalige Bahntrasse.  Eine kleine schmale Birkenallee säumt die Strecke wie eine Flaniermeile mit spätsommerlichem Flair. Die Gemeinde Strobl (Kilometer 36,8) verfügt über herrliche naturbelassene Badestrände, an denen wir nun vorbei laufen. Der Strand ist allerdings verwaist. Heute ist zwar fast schon Hochsommerwetter, aber die Badesaison ist doch zu Ende, auch wenn auf dem See noch Wasserski gelaufen wird. Wir sind nicht alleine auf der Strecke. Ständig überholen wir jetzt noch 27-Kilometerläufer. Weiter ein Stück parallel zur Straße entlang, dann kann ich ihn schon von weitem entdecken – den holzgeschnitzten Kohl. Heute Morgen kamen wir von Ischl aus an ihm vorbei und sind nun nicht mehr weit von unserem Ziel in St. Wolfgang entfernt.

Von weitem hören wir den Moderator im Zielbereich. Er steht vor der 1477 erbauten spätgotischen Wallfahrtskirche. Der bronzene Wallfahrtsbrunnen von 1515 diente über Jahrhunderte als Heilquelle. In der Wallfahrtskirche ist der  Doppelaltar für den Heiligen Wolfgang und Johannes den Täufer. Er enthält die Reliquien des heiligen Wolfgang. Jedenfalls sieht der Moderator von dort oben die Läufer ins Ziel sprinten und die vielen Zuschauer feiern jeden Finisher. Seit Stunden strömen dort die Läufer ins Ziel.


Tummelplatz


Es ist etwa 14:00 Uhr. Das Ortszentrum hat sich seit Stunden den laufenden Athleten nun ausnahmslos ergeben. Läuferinnen und Läufer sitzen bei Cola oder gesponserten Müsli auf dem Trottoir oder um den Brunnen.


 
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Ein Lauf, bei dem in Ehren ergraut und in Würde gealtert werden darf, wo andere Läufe aufgrund des Zeitlimits erbarmungslos ausjäten. Ich blicke Richtung See, der ruhig daliegt wie die frisch gestärkte weiße Bettwäsche in unserem Hotel. Mit dem Tag, der morgens um sechs begonnen hat, sind wir zufrieden. Die Saison wurde um ein Wochenende verlängert. Bald werden die Hotels geschlossen und St. Wolfgang geht in den Winterschlaf. Jeder, wirklich jeder, ganz egal auf welcher Distanz, bekommt eine schön gestaltete Medaille umgehängt. Darauf zu sehen ist das Logo des Wolfgangseelaufes 2012.

Noch ist das 6 Stunden Zeitlimit nicht erreicht. Der Moderator unterhält die Zuschauer und erzählt Geschichten von Horst, der sich nun auch nicht mehr weit vom Ziel befindet. Am Donnerstag fliegt er schon wieder hinaus in die Welt, natürlich nicht zur Kur, sondern zu seinem nächsten Marathon.

Wie der berühmte Oberkellner Leopold im "Im Weißen Rössl", verlassen auch wir mit dem berühmten Satz "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut" schweren Herzens St. Wolfgang. Hier wird so manches Klischee bedient. Doch das, was die meisten Interessierten wirklich bewegt, bleibt unsichtbar: der Kurschatten.


Resümee:

„Wer einmal hier war, der kommt wieder“ sagt der Bürgermeister von St. Wolfgang. Recht hat er. Mit dem Marathon wurde der Wolfgangseelauf komplettiert und damit auch zu einer Familien- und Freunde-Laufveranstaltung, bei dem wirklich jeder seine Lauf-Strecke findet.


Was man sonst noch wissen sollte:

Mit fünf Bewerben – dem Salzkammergut Marathon über 42,195 km, dem 27-km-Klassiker, dem 10-km-Uferlauf, dem 5,2-km-Panoramalauf und dem Wolfgangsee-Nachwuchslauf (0,2–1,6 km) ist für jede/n die passende Distanz dabei. Für Teamplayer gibt es den "Marathon-Triple". Dabei startet je ein Teilnehmer über 27, 10 und 5,2 km – am Ende zählt die Gesamt-Marathonzeit.

Zeitmessung: Champion Chip
Zielzeit: 6:05 Stunden
Auszeichnung: Alle Finisher (alle Distanzen) erhalten eine schöne Medaille mit dem Logo des jeweiligen Bewerbes. Die Top-3 jeder Klasse (10 Jahresschritte) erhalten gravierte Glas-Trophäen
Verpflegung: etwa alle 4 Kilometer
Streckenanspruch: 42,195 km (417 m Steigung, 335 m Gefälle)
Parken: Genügend öffentliche Parkplätze und Tiefgarage in Bad Ischl und St. Wolfgang (Bustransfer)

Siegerinnen und Sieger (Marathon 2012)

1 Pfandlbauer Andreas AUT 2:49:48
2 Radlmayr Alois AUT 2:57:53
3 Russegger Gerhard AUT 2:58:11

1 Heiml Alexandra AUT 3:40:30
2 Schuller Christine AUT 3:41:33
3 De-Bettin Michaela AUT 3:45:33

 

Informationen: Salzkammergut-Marathon/Wolfgangseelauf
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